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Kunst schafft Beziehungen
Reden zur Kunst als Ausdruck einer Beziehung

Rede 3
Einführung von Theres Held anlässlich der Vernissage zur Ausstellung von Christa Nussbaumer & Felix Boller in der Galerie Rotacker, Wallisellen. 30. Oktober 1996

[Rede 1 gehalten in Zürich und Bergün] [Rede 2 gehalten in Wallisellen]

Liebe Christa, lieber Felix, liebe Gäste dieser Vernissage.

Damit keine falschen Erwartungen entstehen, möchte ich vorausschicken, dass meine Worte keine Einführung im eigentlichen Sinn sind; ich bin keine Kunstsachverständige. Es sind ein paar persönliche Gedanken, ausgelöst durch die Radierungen, die heute gezeigt werden. Es sind eher Gedanken einer Leserin, aber Text und Bild waren schon immer nah beisammen.

Kürzlich habe ich in einem Essay über Kultur gelesen, dass Kultur eigentlich nicht im Gegenstand besteht, den ein Künstler hervorbringt, nicht im Buch, das ein Schriftsteller schreibt, und nicht im Bild, das ein Maler malt, sondern erst in dem, was das Buch oder Bild auslöst. Dieses Auslösen erfordert natürlich die Bereitschaft des Lesers oder des Betrachters, sich auf das Kunstwerk einzulassen, das wiederum erfordert Zeit, eigene, persönliche Zeit, damit vielleicht etwas Eigenes entstehen kann. Ich glaube nicht, dass sich dieser Prozess steuern lässt, eine Einführung ist also auch deshalb eigentlich gar nicht möglich; vielleicht im besten Fall kann ich Sie auf diese Bilder ein wenig neugierig machen.

Vor ein paar Wochen haben verschiedene Kulturexperten am Radio über das Malaise in der Schweizer Literaturszene diskutiert und sich dabei unter anderem die Frage gestellt, ob es nicht eben letztlich wichtig und nötig wäre, dass ein Künstler, eine Künstlerin ausser dem Kulturschaffen ein anderes Berufsleben hat und diese Erfahrung ausbeuten kann für seine beziehungsweise ihre Kunst. Sie haben sich gefragt, ob nicht gerade diese Reibung mit dem Beruf, mit dem Alltagsleben die wirklich interessanten Themen hergibt für die Kunst.

Bei keiner anderen bisherigen Ausstellung von Christa Nussbaumer und Felix Boller sind für mich die individuellen Lebenserfahrungen der beiden Künstler so präsent wie bei dieser heutigen. In diesem Raum, das ist Ihnen vielleicht bereits aufgefallen, begegnen wir ausschliesslich Radierungen von Frauen und Jugendlichen. Es sind für mich eher brüchige Bilder, bei den Jugendlichen vielleicht absoluter, bei den lebenserfahrenen Frauen versöhnlicher, aber bei beiden ist eine grosse Verletzlichkeit spürbar. Meine Gedanken möchte ich an zwei Bildern festmachen, die für mich fast exemplarisch sind für die anderen Werke in diesem Raum, und zwar exemplarisch, was sowohl das Gemeinsame wie das Eigenständige der beiden Künstler betrifft.

Christa Nussbaumer befasst sich in ihren neuen Werken vor allem mit dem Thema Frau. In der Radierung mit dem Titel "Kunstlicht II", und eben nicht nur dort, erscheint eine Frau als eine Art Clownin im Rampenlicht. Sie stellt sich aus, exponiert sich, nicht so ganz freiwillig, will mir scheinen. Ihr Körper ist nicht eigentlich schön, fast unförmig und doch auch wieder zerbrechlich, fast durchsichtig. Vielleicht war sie einmal eine schöne, anmutige Tänzerin, aber das körperlich Schöne ist vergänglich, franst aus an den Rändern, verblasst, ist kaum mehr wahrnehmbar. Das Gesicht wirkt maskenhaft, die Augen wie bei einem Kind gross und staunend, dass die Vorstellung so rasch zu Ende geht, das Leben eine Art Zirkusnummer ist. Dieses Bild und auch die anderen Frauenbilder erzählen mir stille, eher traurige Geschichten. Die Künstlerin lässt mir viel Freiheit für meinen Text; das, vermute ich, ist auch ihre Absicht, auch ihr selbst erzählen diese Frauen vielleicht immer wieder andere Geschichten.

Mein zweites Bild ist kein besinnliches, es alarmiert mich. In der Radierung "Standort 4" sind die Grenzen scharf gezogen, der Kontrast zwischen Hell und Dunkel ist gross, Grautöne hat es fast keine. Da versteckt sich ein junger Mensch, nicht aus Spass am Spiel, sondern aus Not. Er verkriecht sich in seiner viel zu grossen schwarzen Lederjacke, die für ihn vielleicht so etwas wie Stärke bedeutet. Er versteckt sich auch hinter Wörtern, Wortlisten, Worterklärungen. Er findet den Zugang nicht, nicht zu den Menschen und nicht zu den wirklichen Geschichten, die vielleicht Gefühle auslösen könnten. Ein Riss, wie ein Blitz, geht durch seine Stirn, seine Abwehr provoziert mich, fordert mich heraus, zum Begreifen, zum Eingreifen. Es klagt auch an, dass die Aussenwelt, zu der ich als Betrachterin auch gehöre, kein Ort für ihn ist. Geschichten von Angst, Rückzug, aber auch von Sehnsucht erzählen die Bilder "Standort 1 bis 4".

Bei allen Radierungen von Felix Boller in diesem Raum spüre ich seine tägliche Auseinandersetzung mit jungen Menschen, sein Engagement für sie. Er lässt mich nicht irgendwelche Geschichten lesen, sondern diejenigen dieser jungen Menschen. Es sind Momentaufnahmen aus ihrem Leben, alles ist im Fluss, vieles ist möglich; vielleicht haben diese Radierungen auch deshalb keinen festen Rand.

Über Bilder soll man nicht zu viele Worte verlieren, man soll sie vor allem anschauen.

Zum Schluss möchte ich aber doch noch erwähnen, dass die beiden Künstler nicht nur Kunst, sondern auch Lebenspartner sind. Sie sind unter anderem aus Lust am Handwerk seit ein paar Jahren von der Kunst des Radierens fasziniert und haben diese weiterentwickelt zu einem Zusammenwirken von traditioneller Radierung, fotografischem Material und Computerkunst.

Natürlich gäbe es über die beiden Künstler noch viel zu erzählen, aber man muss den Schöpfer oder die Schöpferin eines Kunstwerkes nicht unbedingt kennen, um etwas damit anfangen zu können. Und darum geht es ja letztlich. "Man muss ein Kunstwerk nicht verstehen", sagt Martin Walser, "man muss damit etwas anfangen können."

Dass dies heute und in den nächsten Tagen mit diesen Radierungen geschehen möge, wünsche ich uns allen.

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